General-Anzeiger Bonn vom 06.11.2003
Von Sascha Brengmann

Ihre Bordbibliothek kennt tausende Chemikalien

Feuerwehr Serie Teil 9: Die Spezialisten für Gefahrgutunfälle und technische Hilfe kommen aus Uthweiler. Sie betreuen das Löschgebiet Oberpleis mit 3700 Haushalten. Für Frauen fehlen sanitäre Einrichtungen.

UTHWEILER. Eine riesige Zahl von Gefahrgütern, zu erkennen an orangefarbenen Warntafeln, rollt Tag für Tag durch das Königswinterer Stadtgebiet, sei es auf der Autobahn oder auf den Landstraßen. Angefangen bei einfachen Treibstoffen bis hin zu ätzenden, hochgiftigen oder selbstentzündlichen Chemikalien. Die Löschgruppe Uthweiler ist besonders ausgestattet und ausgebildet, um den davon ausgehenden potenziellen Gefahren zu begegnen.

,,Wir sind für den Umweltschutz und für Einsätze mit gefährlichen Stoffen und Gütern (GSG) zuständig. Unsere Fahrzeuge sind speziell dafür konzipiert“, berichtet Löschgruppenführer Norbert Bäßgen. Das zweite Fachgebiet der 48 Ehrenamtler ist die technische Hilfe (TH). ,,Besonders auf den Umgehungsstraßen rund um Oberpleis kommt es immer wieder zu schweren Verkehrsunfällen. Hier hat sich ein neuer Einsatzschwerpunkt gebildet.“ Tagsüber und bei besonders schweren Einsätzen unterstützen die Uthweiler auch ihre Kameraden aus Ittenbach auf der Autobahn 3.

Die doppelte Spezialisierung schlägt sich in der Ausstattung der Löschgruppe nieder, die 2004 ihr 75-jähriges Jubiläum feiert. Mit einem Tanklöschfahrzeug TLF 16/2 5 steht den Wehrleuten ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Fahrzeug zur Verfügung. ,,Ein zusätzlicher Schaummitteltank mit 200 Litern Fassungsvermögen ist installiert und auf dem Dach haben wir einen kombinierten Schaum-Wasser-Werfer“, zählt Bäßgen zwei der Abweichungen von der Norm auf.

Die wirkliche Besonderheit im Fuhrpark ist aber der Gerätewagen ,,Gefahrgut und Umweltschutz“, kurz GW-G. ,,Dieses Kombifahrzeug für Gefahrguteinsätze und technische Hilfe ist nach unseren Plänen entwickelt worden“, so Bäßgen. Neben der kompletten Technische-Hilfe-Ausstattung, die zum Beispiel zur Befreiung eingeklemmter Personen benötigt wird, hat das Fahrzeug alles Erforderliche zur Bekämpfung von Gefahrstoffen an Bord: Auffangbehälter aus Spezialedelstahl, Chemikalienschutzanzüge, spezielle Pumpen.

Darüber hinaus dürfte der GW-G weit und breit das einzige Fahrzeug mit Bibliothek an Bord sein — in einem Extrafach stehen dicke Wälzer, die alle möglichen Gefahrstoffe, ihre Auswirkung und Gegenmaßnahmen aufzählen. ,,Das sind schon mehrere tausend verschiedene Stoffe, mit denen wir theoretisch konfrontiert werden könnten“, beschreibt Bäßgen den Umfang der Literatur. Manchmal verursachen jedoch auch harmlose Substanzen Einsätze. ,,Wir hatten einmal den Fall, dass auf der A3 eine rote Flüssigkeit aus einem verunfallten Lkw austrat“, erinnert sich der Einheitsführer. ,,Wie sich später herausstellte, handelte es sich lediglich um Grundstoff für Bessen-Genever.“

 Aufgaben der Wehr in einem Gebiet ab, das durch die beständigen Zuzüge vor allem in Oberpleis inzwischen etwa 3700 Haushalte umfasst. Uthweiler bildet die zweitgrößte Einsatzabteilung in der Stadt. Seine Jugendfeuerwehr umfasst 19 Mitglieder- mit Abstand die größte im Stadtgebiet. Um Nachwuchs macht man sich in keine Sorgen.

Nur eines gibt es in den Reihen der Wehr nicht: Frauen. Weder in der Jugend noch bei den Aktiven finden sich weibliche Mitglieder - ein Unikum in der Stadt. „Es hat Anfragen gegeben, die wir leider negativ bescheiden mussten“, so Bäßgen. Der Grund: Es gibt in unsere Gerätehaus keine Möglichkeit Frauen die gesetzlich vorgeschriebenen separaten sanitären Einrichtungen und Umkleidemöglichkeiten zur Verfügung zu stellen.“ Weibliche Mitglieder hat nur der angegliederte Musikzug mit 16 Musikern, sechs von ihnen sind auch in der Wehr aktiv. ,,Es wäre wünschenswert, mehr Musikanten zu haben“, so Bäßgen. ,,Aber es ist schwer, besonders Jugendliche für die Musik zu begeistern. Es ist schon schade, wenn man bei den eigenen Veranstaltungen manchmal nicht selber musizieren kann, weil zu wenig Leute da sind.“ Wie zum Beispiel beim Bayrischen Abend der Gruppe, der seit 15 Jahren zu Sommerbeginn stattfindet.,, Feuerwehr muss heute auch gesellschaftlich wirken. Deswegen legen wir besonderen Wert auf die gute Zusammenarbeit mit den Dorfvereinen.“ Dar­aus geht unter anderem der Weihnachtsmarkt in Uthweiler hervor, der am letzten Novemberwochenende am Gerätehaus stattfindet. Weitere Informationen über die Löschgruppe im Internet unter www.feuerwehr-uthweiler.de