KEIN KINDERSPIEL

Die Betreuung von Kindern bei Einsätzen der Rettungsorganisationen

Wenn ein Unfall passiert, wenn es brennt, wenn Naturgewalten Zerstörungen anrichten, dann werden nicht nur Sachwerte beschädigt, sondern dann sind immer auch Menschen direkt oder indirekt betroffen. Diese werden schlagartig und meist völlig unvorbereitet mit einer solchen Situation konfrontiert. Obwohl Unfälle und Katastrophen tagtäglich durch die Presse gehen, wird die Möglichkeit, selbst betroffen zu sein in der Regel ausgeblendet. Hinzu kommen Faktoren wie Verletzungen, psychisches Allgemeinbefinden, Ort, Zeit des Geschehens, Witterung, Ausmaß des Schadens, der Anblick von Verletzten usw. Das plötzliche Auftreten, die folgende Orientierungslosigkeit und die Tatsache, dass die Lebensplanungen vorübergehend außer Kraft gesetzt sind, führen dazu, dass die eigene Handlungsweise nicht mehr im gewohnten Maß kontrolliert werden kann.

Betroffene benötigen somit neben technischer und medizinischer Hilfe auch eine gute Betreuung. Die Erfahrung hat dabei gezeigt, dass Polizei und Rettungsdienst diese  andauernde Betreuung personell und zeitlich normalerweise nicht leisten können. Die Notfallseelsorge im Landkreis Roth/Stadt Schwabach bietet die Möglichkeit über Jura 12 oder Florian Roth einen der Fachberater Seelsorge zu alarmieren. Dieser kann die Betreuung der Betroffenen übernehmen, benötigt aber Zeit für die Anfahrt.

Um diese Zeit zu überbrücken wäre es wünschenswert, wenn Feuerwehrangehörige mit der Betreuung beginnen könnten.

Bei einer größeren Anzahl Betroffener (z.B. bei einem Busunfall) kann die Notwendigkeit bestehen, dass Feuerwehrangehörige und Notfallseelsorger gemeinsam die Betreuung übernehmen.

Wie im technischen Bereich ist auch im Umgang mit Betroffenen eine gewisse Vorbereitung nötig, insbesondere wenn es sich bei den Betroffenen um Kinder handelt. Meist trifft diese ein plötzliches Schadensereignis schwerer als Erwachsene. Sie erleben nicht nur die Situation selbst als Bedrohung, sondern auch die vielen fremden Menschen, den Lärm, die Hektik. Die Eltern, die sonst für Kinder Orientierung und Schutz vermitteln, werden hier anders als gewohnt erlebt: Sie sind selber hilflos, sie haben Angst, wobei weinende Eltern in einer solchen Situation Kinder besonders verunsichern. Die Eltern haben Probleme, sich selbst zu fangen und können ihre Kinder im Extremfall weder trösten noch betreuen. Seitens der Kinder besteht eine starke Trennungsangst - Angst die Eltern zu verlieren.

Wie reagieren Kinder auf plötzliche Schadensereignisse?

Was für Erwachsene gilt, gilt auch hier: Jeder Mensch reagiert anders. Die häufigsten Reaktionen bei körperlich Unverletzten sind:

- Weinen, Schreien

- Aggressionsausbrüche

- Erbrechen

- Totaler Rückzug/Verweigerung/Erstarrung

- Aber auch Panikreaktionen (Wegrennen)

 

Was sollte man tun?

Generell gilt das, was für die Betreuung nicht oder leicht verletzter und ärztlich versorgter Erwachsener auch gilt: Entfernen aus dem Gefahrbereich an einen möglichst ruhigen, ggf. geheizten Ort (z.B. Feuerwehrfahrzeug). Es kann aber auch ein Spaziergang sinnvoll sein.

Die Betreuung muß von einer oder mehreren Personen übernommen werden, die sich dazu bereit erklären. Ob es sich um Männer oder Frauen handelt ist zunächst unerheblich.

(Im Folgenden wird die Bezeichnung "Betreuer" für beide Geschlechter verwendet.)

Wer die Betreuung übernimmt ist ausschließlich für diese Tätigkeit zuständig. Es können dann keine anderen Tätigkeiten übernommen werden. Man bleibt bei den Betroffenen, solange es möglich bzw. nötig ist. Kommt ein Notfallseelsorger hinzu, sollte der bisherige Betreuer zumindest für kurze Zeit noch da bleiben, um den Übergang zu erleichtern. Optimal ist es, wenn die Betreuung gemeinsam weitergeführt werden kann.

Betreuer müssen über Einfühlungsvermögen verfügen, aber gleichzeitig das Leid und die Tränen der Betroffenen aushalten können. Mögliche Agressionsausbrüche von Betroffenen sollte man kontrolliert ablaufen lassen, sie bieten eine Art "Ventil". Bei Erbrechen und anderen körperlichen Anzeichen sollte man sicherheitshalber einen Arzt hinzuziehen.

Es ist sehr sinnvoll, Kinder und Eltern gemeinsam zu betreuen. Eltern sind beruhigt, wenn Sie sehen, dass Ihnen in dieser Krisensituation die Sorge um die Kinder erleichtert wird, Kindern wird die Verlustangst genommen.

Zunächst muß die bestehende Distanz abgebaut werden: Der Betreuer stellt sich vor, er sagt, dass er sich gerne um die Betroffenen kümmern würde und fragt damit indirekt oder auch direkt nach ihrem Einverständnis. Er fragt die Betroffenen nach ihrem Namen, wo sie herkommen. Mit Erwachsenen sollte man per Sie bleiben, um auch gegenüber Menschen, die sich momentan sehr schutzlos und verletzlich fühlen, den Respekt zu wahren. Kindern gegenüber sollte man das "Du" und seinen Vornamen verwenden. Den Helm sollte man abnehmen, Warnweste und Schutzanzugjacke ausziehen.

Generell ist es wichtig, Sicherheit und Ruhe zu vermitteln.

Das weitere Handeln hängt dann sehr stark vom Alter der Kinder ab. Die Jahresangaben sind deshalb nur Anhaltspunkte.

 

Kinder unter 2 Jahre

Hier gilt es in erster Linie die Eltern zu unterstützen, sie zu ermutigen, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen. Sollte kein Elternteil anwesend sein, so sollte man ruhig und freundlich mit dem Kind sprechen. Sehr wichtig ist Körperkontakt durch auf den Arm nehmen, im Arm wiegen, über den Kopf streicheln, die Hände halten. Sehr hilfreich ist es, wenn das Kind einen vertrauten Gegenstand in der Hand halten kann.

 

Zwischen 2 und 5 Jahren

Auch in diesem Alter ist es wichtig, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und Sicherheit zu vermitteln.

Das Kind animieren zu sprechen - aus der gegenseitigen Vorstellung ein Gespräch entwickeln über Vorlieben des Kindes, das Interesse von der aktuellen Situation auf andere Dinge lenken. Sehr hilfreich sind dabei Handpuppen oder Stofftiere. Es empfielt sich, ein solches in einem Feuerwehrauto zu deponieren.

Kinder können so sehr leicht spielerisch in ein Gespräch verwickelt werden. Sie eignen sich auch um eine Geschichte zu erzählen (z.B. von Florian dem Feuerwehrbären, der die ganze Zeit im Feuerwehrauto unter der Sitzbank sitzt und sich langweilt, weil er keinen Freund hat - Phantasie ist gefragt). Stofftiere können in den Händen gehalten werden, bieten im wahrsten Sinne des Wortes "Halt". Schließlich sollte man das Kind fragen, ob es das Tier behalten will, damit das Ereignis nicht nur negative Erinnerungen auslöst.

 

Zwischen 5 und 12 Jahren

Das Gespräch gewinnt an Bedeutung. Wenn dieses erschöpft ist, empfielt es sich, das Kind zu beschäftigen. Indem man mit ihm das Fahrzeuginnere erkundet, es den Helm aufsetzen läßt, es fragt, ob es eine "wichtige" Aufgabe übernimmt (z.B. das FuG hält, auf den Helm aufpaßt). Wichtig ist das gemeinsame Tun.

 

Ab 12 Jahre

Das Kind/der Jugendliche läßt sich nicht mehr einfach ablenken. Sie erkennen meist, wenn eine Situation verharmlost wird. Die Reaktion wäre dann ist Mißtrauen/Rückzug/ Aggression.

Der Betreuer wird Ansprechpartner für ausgesprochene oder unausgesprochene Fragen, Ängste. Der Einsatz sollte erklärt werden. Es ist nicht immer sinnvoll, die volle Wahrheit zu sagen, es sollte andererseits keinesfalls gelogen werden. Besser ist es, wenn der Betreuer zugesteht, dass er etwas nicht wisse, aber Hoffnung habe. Das Vertrauen in die Fähigkeiten der Einsatzkräfte sollte betont werden.


Vorbereitung

Auch in diesem Bereich ist die Vorbereitung wichtig für den Erfolg. Doch im Gegensatz zur Technik, z.B. dem Einsatz von Schere und Spreizer, ist es kaum möglich, entsprechende Situationen zu üben.

Wichtig ist der Austausch über das Thema Betreuung von primär (z.B. leicht verletzten) und sekundär geschädigten Menschen (z.B. Angehörige von Unfallopfern). Für Beratung und Schulung stehen die Fachberater Seelsorge gerne zur Verfügung.

Meist ist die Kontaktaufnahme, das "wie fange ich an", das größte Problem. Diese kann in Rollenspielen geübt werden.

Führungskräfte sollten sich überlegen, wer eine Betreuung leisten könnte. Es besteht oft eine Hemmschwelle, auf Betroffene zuzugehen. Eine Rolle spielen hier die Angst zu versagen, die Notwendigkeit sich aus der Gruppe herauszulösen und die Befürchtung, als neugierig zu gelten. Es ist leichter, diese Aufgabe zu übernehmen, wenn man darum gebeten wird.

 

Nachsorge

Ob mit erwachsenen Menschen oder Kindern: Eine Betreuung kann sehr belastend sein. Die unmittelbare Konfrontation mit dem persönlichen Leid und meist nicht greifbare Erfolgserlebnisse wirken auch nach einem Einsatz. In der Regel hat sich für die Betroffenen beim Auseinandergehen die Situation nicht verändert. Den Betreuten wird erst später bewußt, dass die Begleitung für sie sehr positiv war. Auch handelt ein Betreuer oft allein.

Wie bei anderen belastenden Einsätzen muß auch hier Streß abgebaut werden.

Wer als Betreuer hilft, muß sich selbst als hilfsbedürftig akzeptieren: Hilfe suchen oder angebotene Hilfen annehmen können. Am besten eignen sich Gespräche. Auch hierfür stehen die Fachberater Seelsorge zur Verfügung bzw. können sie versuchen, Hilfe zu vermitteln. Aber auch das Gespräch mit Kameraden, dem Partner, Freunden, oder anderen Personen hilft, die Eindrücke zu verarbeiten. Dabei gilt, dass Informationen aus dem Leben der Betroffenen vertraulich bleiben müssen. Wenn körperliche Probleme (Schlaf-, Verdauungs-, Konzentrationsstörungen) nach einem solchen Einsatz auftreten, sollte der aufgesuchte Arzt auch auf diese mögliche Ursache hingewiesen werden.

Die Nachsorge für die betreuten Kinder bleibt den Eltern, Kinderärzten, dem Kindergarten, möglicherweise der Schule überlassen. Es können als Nachwirkungen Schlaf-, Ess- und Lernstörungen sowie Verhaltensauffälligkeiten auftreten.

Ein traumatisches Erlebnis wirkt in die Zukunft eines Menschen hinein. Bei manchen prägt es das ganze Leben. Und obwohl der Erfolg nicht in gleichem Maße sichtbar ist: So wichtig wie der Ersteinsatz für den Löscherfolg, so wichtig ist eine gute Betreuung für die Verarbeitung des Geschehenen.

Frank Larsen, Diakon, Fachberater Seelsorge
Ute Larsen, Erzieherin